Seit drei Monaten beschäftigt, bedroht und ängstigt das Coronavirus die Menschen in der Schweiz und weltweit. Wie im Zeitraffer ist in dieser Zeit viel geschehen und viel erreicht worden. Dennoch stehen wir heute eher am Anfang als am Ende dieser Geschichte.

Was Ende 2019 im fernen Wuhan seinen Anfang nahm und damals wenig beachtet wurde, hat sich zu einer Pandemie ausgewachsen, einer Ansteckungswelle, die sich über den ganzen Erdball verbreitet. Grippe, HIV, Syphilis, Tuberkulose, Cholera, Pest sind andere Beispiele von Infektionskrankheiten, die auf Weltreise gingen und gehen. Solche Seuchenzüge sind also nichts Neues und haben auch in früheren Zeiten ganze Landstriche verwüstet, Tod und Verderben gebracht, Existenzen vernichtet, Gemeinschaften und  Verantwortungsträger herausgefordert.

Als Bürger, Arzt und Politiker ziehe ich vorläufig folgende Schlüsse:

1. Wahlen sind wichtig

Es kommt darauf an, wer uns im Staat anführt, wer in guten und in schlechten Tagen wichtige und schwierige Entscheidungen für uns alle trifft, treffen muss, wem wir folgen und gehorchen wollen und müssen. Dank mutigen, besonnenen und führungsstarken Bundes- und Regierungsräten und -rätinnen, auch dank erfahrenen, bescheidenen und loyalen Experten vom Format eines Dr. Daniel Koch, auch weil wir ihnen vertrauten und uns an ihre Empfehlungen und Anordnungen hielten, haben wir die erste Welle gesundheitlich unverhofft gut und wirtschaftlich mit einem blauen Auge überstanden. Ein vergleichender Blick über den Tellerrand, vor allem auch in grosse Staaten, die von sogenannten Populisten geführt werden, bestätigt dies.

2. Das Verhalten der Menschen, jedes und jeder Einzelnen, entscheidet

über Erfolg oder Misserfolg, über Gesundheit und Krankheit, über Leben und Tod. Die Corona-Pandemie ist zuerst ein gesamtgesellschaftliches und erst ganz zuletzt ein medizinisches Problem. Arztpraxen und Spitäler können nur den Schaden begrenzen. Auch unser wirtschaftliches Wohlergehen hängt ganz entscheidend von unserer Disziplin und von unserem Vertrauen in die Notwendigkeit einschränkender Massnahmen ab. Dasselbe trifft übrigens und ganz nebenbei auch für den Klimawandel zu.

3. Zusammenstehen, Gemeinsinn und Achtsamkeit lohnen sich

Sie bauen und stabilisieren unsere Gesellschaft und unser Wohlergehen, und in diese Werte müssen wir in guten wie in schlechten Tagen weiterhin investieren. Konkurrenz, Risikobereitschaft, Profitstreben, Wachstum und „Geiz ist Geil“ haben im Normalbetrieb zwar ihren Platz, sind in der Krise jedoch nutzlos und erweisen sich jetzt gerade als neoliberales Schönwetterkonzept, dessen Bedeutung und Problemlösungsvermögen von seinen Verfechtern immer noch massiv überschätzt wird.

4. Menschen und Medien vergessen gern und viel zu schnell

Wenn keine zwei Monate nach Ausrufen der Ausserordentlichen Lage und Anwendung von Notrecht angesichts einer realen und katastrophalen Bedrohung jetzt gewisse Zeitgenossen behaupten, die ganzen Massnahmen seien massiv übertrieben und aus niedrigen Beweggründen überhaupt in Kraft gesetzt worden, wenn sie von Diktatur, Verfassungsbruch und Willkür schwadronieren oder behaupten, COVID-19 sei nicht gefährlicher als Grippe, dann entbehrt das jeglicher vernünftigen Grundlage. Es beweist lediglich, dass die Meinungsäusserungsfreiheit nicht tangiert ist und jeder sich blamieren darf, so viel und so dumm er will. Dass die Medien solchen Meinungen Raum geben, zeugt ebenso von einer intakten Presse- bzw. Medienfreiheit, weniger von der damit verbundenen Verantwortung. Gegen diese Vergesslichkeit hilft es jedoch, in angemessenem zeitlichem Abstand und mit Überblick über das Ganze unvoreingenommen und gewissenhaft Bilanz zu ziehen. Dazu ist es jetzt definitiv noch zu früh.

5. Nicht alle, die googeln und twittern können, sind Experten.

Was eine exponentielle Zunahme von Erkrankungen ist, haben nun einige begriffen – leider längst nicht alle. Wir wissen nun auch, wie Pandemie geht, und dass wir uns für ein nächstes Mal besser um die Vorsorge kümmern müssen. Aber über den Verursacher der aktuellen Pandemie, das Coronavirus SARS-CoV-2, wissen wir noch viel zu wenig. Zu meinen, man könne Forschung und Wissenschaft beliebig beschleunigen, wenn man nur genügend Geld, Grips und Rechenleistung investiere, ist naiver Wunderglaube. An der ersehnten Impfung werden wir uns wohl noch die Zähne ausbeissen. Und was Langzeiteffekte betrifft, gibt es keinen Zeitraffer, der diese schon morgen glasklar zeigt. Spekulative und experimentelle Ansätze wie Hydroxychloroquin zu hypen, weil es nichts Gescheiteres gibt, stellt ein sehr hohes Risiko dar, das einzugehen übrigens in normalen Zeiten mit Strafen sanktioniert würde. Und wer am Ende behauptet, er habe es schon immer gewusst und sei immer richtig gelegen mit seinen Einschätzungen, ist sehr wahrscheinlich kein richtiger Experte.

Ausblick

Es wird in den kommenden Wochen und Monaten entscheidend sein, wie die Verantwortung für das Gemeinwohl und für unser persönliches Verhalten von der Regierung und vom Staat wieder an uns einzelne Menschen und Gruppierungen wie Betriebe, Firmen, Verbände, Vereine zurückgegeben wird. Auch das Vertrauen muss von den Regierenden an ihre Bürgerinnen und Bürger, Wählerinnen und Wähler zurückfliessen. Bald muss das auch bei den Schwachen, Gebrechlichen und Alten ankommen und zu einer neuen Normalität führen – sie selber und wir alle müssen sie weiter schützen, aber nicht um den Preis von Bevormundung, Isolation, Besuchssperren. Gerade die Bewohnerinnen und Bewohner von Altersheimen warten darauf, nicht nur ihrem Leben mehr Tage, sondern ihren Tagen auch wieder mehr Leben zufügen zu können. Auch das gesellschaftliche und kulturelle Leben soll wieder stattfinden, viele sehnen sich danach. Auf Grossveranstaltungen vorläufig zu verzichten, könnte uns auch lehren, dass Freude und Genuss nicht mit Grösse und Masse zunehmen, und dass einige dieser Massenevents nicht sein müssen, weil es Besseres gibt.

Auf eine zweite Welle werden wir besser vorbereitet sein, gezielter reagieren und agieren können, und wir werden auch diese umso besser und unbeschadeter überstehen, je gewissenhafter wir das befolgen, was wir nun gelent haben.